Das Nibelungenlied

Eine Einführung

von Lothar Voetz, Badische LandesBibliothek

Das 'Nibelungenlied' ist heute nur in den Formen bekannt, in denen es in mehr als 35 nachweisbaren Handschriften und Handschriftenfragmenten aus dem 13. bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts überliefert ist. (Ein in jüngster Zeit über verschiedene Medien verkündeter angeblicher Neufund von 'Nibelungenlied'-Fragmenten aus dem Kloster Zwettl (Niederösterreich) hat sich inzwischen als Fehlbeurteilung erwiesen.)

Man erkannte im wesentlichen 3 Haupthandschriften: Die Fassungen A und B sind ähnlich und älter, die C-Version ist jünger und weicht etwas ab.

 

Das inhaltlich auf älteren mündlichen Traditionen beruhende 'Nibelungenlied' erhielt um oder kurz nach 1200 Schriftgestalt. Die Sprache des 'Nibelungenliedes' ist mittelhochdeutsch. Ein 'Original' ist nicht erhalten. Der Dichter des 'Nibelungenliedes' ist unbekannt. Die Anonymität des Dichters wird wohl auch durch die Gattung der Dichtung entscheidend mitbedingt sein. Es spricht vieles dafür, daß das 'Nibelungenlied' von seiner Entstehung her mit Passau beziehungsweise mit dem Großraum der mittelalterlichen Diözese Passau in Verbindung zu bringen ist, die damals unter anderem auch Wien einschloß. Als Auftraggeber und Mäzen des unbekannten Dichters des 'Nibelungenliedes' ist mit großer Wahrscheinlichkeit Wolfger von Erla anzusehen, der von 1191 - 1204 Bischof von Passau war.


 

Das heute als 'Nibelungenlied' bezeichnete Werk hatte ursprünglich keinen Titel. Der neuzeitliche Titel geht auf den letzten Vers des Textes zurück, der in einem Teil der Handschriften mit den Worten schließt: daz ist der Nibelunge liet. Diesen Wortlaut hat man, leicht variiert, in dem neuhochdeutschen Titel 'Nibelungenlied' beibehalten. Das mittelhochdeutsche Wort liet ist aber von seiner Bedeutung her nicht ohne weiteres mit dem neuhochdeutschen Wort Lied gleichzusetzen. Hier wäre mittelhochdeutsch liet vielmehr mit neuhochdeutsch 'Dichtung' zu übersetzen: 'Das ist die Dichtung über die Nibelungen'.



 

Schluß des 'Nibelungenliedes', Bl. 89r
 
Schluß des 'Nibelungenliedes', Bl. 89r


 

Das Nibelungenlied ist in den meisten Handschriften in insgesamt 39 sogenannte âventiuren eingeteilt, was unter formalen Gesichtspunkten im Neuhochdeutschen mit 'Kapiteln' wiedergeben werden könnte. Das Wort mhd. âventiure, das unter anderem auch 'Erzählung, Begebenheit, Abenteuer' bedeutet, läßt sich im Neuhochdeutschen jedoch nicht mit einem einzigen Wort adäquat übersetzen.



 

Erste Aventiuren-Überschrift, Bl. 1r
 
Erste Aventiuren-Überschrift, Bl. 1r


 

Das 'Nibelungenlied' ist eine strophische Dichtung, die nach heutigen literaturwissenschaftlichen Kriterien der sogenannten Heldenepik zugerechnet wird. Das 'Nibelungenlied' ist von seiner sprachlichen und metrischen Ausformung her, aber auch auf Grund seiner inhaltlichen Gestaltung durchaus ein Werk der Zeit um 1200. Die stoff- und sagengeschichtlichen Hintergründe des Werkes führen aber in vielfachen Brechungen und Schichten teilweise bis in die Zeit des 5. Jahrhunderts zurück - und damit bis in die Zeit der Völkerwanderung. Das 'Nibelungenlied' bietet deshalb von seiner komplexen Entstehungsgeschichte her kein einheitliches Spiegelbild einer bestimmten Zeit. In keinem Fall aber ist das 'Nibelungenlied' in der überlieferten Form eine 'germanische' Dichtung, zu der man das Werk in bestimmten Zeiten hat machen wollen. Eine heute noch faßbare 'germanische' Dichtung gibt es gar nicht.


 

Über die mittelalterliche Vortragsweise des 'Nibelungenliedes' ist nichts Genaueres bekannt. In gesprochener Form würde das 'Nibelungenlied' als ganzes etwa acht bis zehn Stunden beanspruchen. In rezitativischer oder gesungener Form würde sich die Vortragsdauer nochmals wesentlich erhöhen.


 

Das 'Nibelungenlied' ist ein gewichtiger Bestandteil der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur um 1200. Die von der Überlieferung her seit dem 8. Jahrhundert in Erscheinung tretende deutschsprachige Literatur erlebt in den Jahrzehnten vor und nach 1200 einen ersten bedeutenden Höhepunkt. Mit der sogenannten klassischen Zeit des Mittelhochdeutschen sind im Bereich der Lyrik unter anderem die Namen Reinmar und Walther von der Vogelweide, im Bereich der 'höfischen Epik' insbesondere die Namen Heinrich von Veldeke, Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg verbunden, die Zeitgenossen des unbekannten Nibelungenlieddichters waren.


 

Die heute noch erhaltenen Handschriften und Handschriftenfragmente zum 'Nibelungenlied' weichen in der Textgestalt oft erheblich voneinander ab. Die Handschriften unterscheiden sich unter anderem in der Zahl der Strophen, im Wortlaut, in Sprache und Graphie des Textes sowie in ihrer jeweiligen Einrichtung. Entgegen früheren Annahmen läßt sich aus der Überlieferung des 'Nibelungenliedes' kein einheitlicher Text gewinnen, der einen auch nur einigermaßen sicheren Anspruch auf 'ursprüngliche' Authentizität beanspruchen könnte. Es ist jedoch in Umrissen erkennbar, daß die einzelnen Handschriften sich in zwei größere Klassen einteilen lassen, die in der Forschung nach den drei Haupthandschriften als *A/B-Fassung beziehungsweise als *C-Fassung bezeichnet werden. Die *C-Fassung wird dabei heute als eine zeitlich jüngere Bearbeitung des Nibelungenliedes angesehen. Die drei Haupthandschriften des 'Nibelungenliedes', die in der Ausstellung "Uns ist in alten Mären ... Das Nibelungenlied und seine Welt" erstmalig an einem Ort zu sehen sind, werden heute in München (Handschrift A), St. Gallen (Schweiz) (Handschrift B) und in Karlsruhe (Handschrift C) aufbewahrt.



 

Überschrift der 'Klage', Bl. 89r
 
Überschrift der 'Klage', Bl. 89r


 

Dem Text des 'Nibelungenliedes' folgt in den drei Haupthandschriften und in fast allen anderen vollständig erhaltenen Handschriften eine weitere Dichtung, die in der mittelalterlichen Rezeption wohl schon von Anfang an eng mit dem 'Nibelungenlied' verbunden war: diu klage. Die in mittelhochdeutschen Reimpaarversen abgefaßte 'Klage' stellt eine Art Fortsetzung und Kommentar zum 'Nibelungenlied' dar. Im Mittelpunkt der 'Klage' stehen die zahlreichen und teils sehr ausführlichen Totenklagen über die im Kampf gefallenen Helden des 'Nibelungenliedes'. Den äußeren Anlaß für diese Klagen bildet die Räumung des Leichenfeldes auf der Etzelburg und der Bericht vom Untergang der Helden an den Höfen in Pöchlarn, Passau und Worms. In der Kommentierung der Geschehnisse sucht die 'Klage' Kriemhild von ihrer Schuld zu entlasten und die entscheidende Verantwortung für den Untergang der Helden Hagen anzulasten.


 

Die verhältnismäßig große Zahl der heute noch erhaltenen Handschriften zum 'Nibelungenlied' bezeugt, daß sich diese Dichtung in der Zeit um 1200 und in den nachfolgenden Jahrhunderten großer Beliebtheit erfreut haben muß. Im 16. Jahrhundert gerät das 'Nibelungenlied' aber fast vollständig in Vergessenheit. Die neuzeitliche Rezeption des 'Nibelungenliedes' setzt erst wieder im Jahre 1755 ein. In diesem Jahr wird die Handschrift C in Hohenems (Österreich: Vorarlberg) wiederentdeckt. Es handelt sich dabei um genau die Handschrift, die heute der Obhut der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe anvertraut ist und die im Mittelpunkt der Ausstellung "Uns ist in alten Mären ... Das Nibelungenlied und seine Welt" steht. Mit der Auffindung dieser Handschrift im Jahre 1755 reißt die an Höhen und Tiefen überreiche neuzeitliche Rezeption des 'Nibelungenliedes' bis zum heutigen Tag nicht mehr ab.